Freitag, Dezember 13, 2019
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Umfrage zur Pille nur Fake News?

1,4 Millionen Frauen in Deutschland verwenden eine ungeeignete Pille?

Die Nachricht des Online-Arzt- und Apothekenshop-Portals Zava, ehemals Dr.Ed, dass 1,4 Millionen Frauen in Deutschland eine ungeeignete Pille verwenden hat viele Frauen verunsichert. Doch was ist dran an der Umfrage?

Statements des Präsidenten des Berufsverbandes der Frauenärzte zur Umfrage „Nehmen Sie die falsche Antibabypille?“ von Zava (ehemals Dr. Ed), publiziert im August 2019

Die Zava-Umfrage sagt, dass 90% aller Frauen unter der Pille Nebenwirkungen haben. Können Sie das bestätigen?

Nein, auf keinen Fall. Wenn tatsächlich die Nebenwirkungsraten so hoch wären wie diese hausinterne Umfrage nahelegt – 39% Kopfschmerzen und vieles mehr, dann wären hormonelle Verhütungsmittel weder zugelassen noch so weit verbreitet. 

In der Umfrage wurden 751 Frauen, die irgendeine Pille über einen nicht definierten Zeitraum hinweg zur Verhütung verwendet haben, gefragt, ob sie bestimmte Symptome während der bisherigen Pilleneinnahme beobachtet haben: Zwischenblutungen, Kopfschmerzen, Gewichtszu- oder Abnahme, Depressionen, unregelmäßige Periode, abnehmende Libido, Übelkeit und Erbrechen, Scheidentrockenheit, starke Krämpfe, Wassereinlagerungen. Es berichteten dann 42% von Zwischen- und Schmierblutungen, 39% von Kopfschmerzen, 33% von Gewichtszunahme, 21% von Stimmungsschwankungen, 16% von unregelmäßiger Periode, 15% von Libidoverlust, je 14% von depressiver Verstimmung, Ausschlag oder Akne, Übelkeit und Durchfall, 11% von Wassereinlagerungen. Nur 12% der befragten Frauen gaben an, während der Pilleneinnahme überhaupt nie irgendwelche Symptome beobachtet zu haben.

Diese Aussagen sind unsinnig und paradox. Der Beweis, dass die „Pille“ die Ursache für die aufgetretenen Ereignisse ist, wird nicht geführt. Sie widersprechen diametral der jahrzehntelangen Erfahrung: Beispielhaft sei erwähnt, dass jede sechste Frau eine „unregelmäßige Periode“ durch die Pilleneinnahme bekommen soll.

Das Prozedere der Umfrage und der Mitteilung der Ergebnisse sind von Grund aus unwissenschaftlich. Zava/Dr. Ed teilt auch auf Nachfragen nicht mit, wie die Frauen für diese Umfrage gewonnen wurden. Eine wissenschaftliche Studie hätte eine Vergleichsgruppe ohne Verhütung aufgestellt, an die dieselben Fragen gerichtet werden: Hatten Sie im Lauf des letzten Jahres Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Gewichtsveränderungen, Hautausschlag oder Akne etc.?

Die Stiftung Kopfschmerz erklärt zum Beispiel, dass 67% aller Frauen innerhalb eines Jahres unter Spannungskopfschmerzen leiden. legte man diese Zahl als Kontrollgruppe zugrunde, sind die 39% aus der Zava-Umfrage im Vergleich sogar niedrig.

Ein anderes Symptom: Zwischenblutungen. Zwischenblutungen sind ein nicht ganz seltenes Phänomen im ersten Monat der Pillen-Einnahme, das in aller Regel von allein verschwindet. Aber auch jede Stresssituation kann Zwischenblutungen verursachen. Vielleicht sind aber auch die Gestagendosis zu hoch oder das Östrogen zu niedrig eingestellt, was individuell angesehen werden muss.

Es wurde leider auch nicht abgefragt, ob diese Symptome – wie etwa Akne oder Stimmungsschwankungen – bereits vor der Pilleneinnahme aufgetreten sind oder von der Frau selbst überhaupt mit der Pille in Verbindung gebracht werden.

Die Umfrage hat als Resultat, dass jede fünfte Frau die Nebenwirkungen nicht mit ihrem Arzt bespricht. Woran kann das liegen?

Die entscheidende Frage lautete, ob eine Frau sich mit ihrer Nebenwirkung schon einmal an ihren Frauenarzt gewendet hat. 78% haben das bejaht, 22% verneint, ein ‚n‘ von 146. Allerdings gaben bereits 31% davon an, dass sie selbst keinen Zusammenhang mit der Pille sehen. Aus diesen 22%, die die angefragten Symptome im Fragebogen angegeben, aber nicht mit ihren Ärzten besprochen haben, wurde dann die Hochrechnung gebaut, dass ein Fünftel aller Frauen in Deutschland, die die Pille verwenden, nicht ausreichend ärztlich beraten sind.

Diese Aussage ist so offensichtlich unwissenschaftlich und falsch, dass auf sie der Begriff „Fake News“ eher zutrifft.

Entspricht die Umfrage wissenschaftlichen Kriterien, und wenn nicht, was sind ihre Schwächen?

Es wurden 751 Frauen befragt, und es ist – und bleibt auch nach hartnäckigen Nachfragen bei Zava – völlig unklar, wie diese Frauen überhaupt rekrutiert wurden.

Vielleicht handelt es sich um Kundinnen der Online-Arzt- und Apothekenshop-Plattform Zava, die dort online ein Verhütungsmittel bestellt und im Anamnese-Fragebogen angegeben haben, dass sie vorher Nebenwirkungen hatten, ohne darüber mit ihrem Frauenarzt gesprochen zu haben. Dann würde es sich um eine Klientel mit einer subjektiv angenommenen Nebenwirkungsrate von 100% gehandelt haben.

Es wurde jedoch weder erfragt noch offengelegt, wie lange die Frauen vor der Umfrage ihre Pille genommen haben, noch welches Präparat eingenommen wurde. Es kann sich um eine jahrelange Pillennutzung gehandelt haben, oder auch nicht.

Es wurde weiterhin, wie oben schon dargelegt, nur nach dem Auftreten von Kopfschmerzen, Gewichtszu- bzw. abnahme, Akne, Stimmungsschwankungen während der Pillen-Anwendung gefragt, nicht aber, ob die Frauen selbst überhaupt einen kausalen Zusammenhang vermuten. Wenn den Frauen aber selbst schon klar war, dass kein Zusammenhang bestand würde das z. B. erklären, warum viele dieser Frauen mit ihren Frauenärzten nie über diese Symptome gesprochen haben.

Es wurde im Gegensatz zu wissenschaftlichen Studien auch keine Vergleichsgruppe – ohne hormonelle Verhütung – befragt.

Haben Sie eine Vorstellung, warum das Portal Dr.Ed diese Umfrage durchgeführt hat, welchen Nutzen könnten sie daraus ziehen?

Der Online-Arzt- und Apotheken-Dienstleister Dr.Ed/Zava beschäftigt Dutzende von Ärzten in Großbritannien, um Online-Fernberatungsbögen von Online-Patienten durchzusehen, Online-Rezepte auszustellen und dann gleich noch das Online-Rezept zu versenden. Es ist zu fürchten, dass er mit diesen Umfrageergebnissen sagen will „die Ärzte in Deutschland beraten so schlecht, dann könnt ihr auch gleich zur Ärzteberatung per Internet-Formular gehen, ganz ohne Untersuchung, ohne persönliches Arztgespräch“.

Zava, bisher Dr.Ed, lebt davon, dass sich Patienten nicht durch die Ärzte in Wohnortnähe betreuen lassen. Je schlechter die ärztliche Versorgung in Deutschland dargestellt wird, umso größere Chancen rechnet sich dieser Anbieter aus, Patientinnen anzuwerben. Das Erzeugen von Fake News, so wie in dieser neuen Pseudo-Umfrage, ist ein neuer Eskalationsschritt.

Werden telemedizinische Angebote wie das von Dr.Ed in der Frauenheilkunde in Zukunft zunehmen?

Das ist zu befürchten, da die ärztliche Versorgung in der Fläche immer stärker ausgedünnt wird, weil unter den heutigen Bedingungen der kassenärztlichen Tätigkeit immer weniger ausscheidende Ärztinnen und Ärzte Nachfolger/innen finden.

Gerade bei der ärztlichen Betreuung zur Empfängnisverhütung gehören körperliche Untersuchung, Abstriche, Abschätzung des Risikoprofils, Risikoberatung und eine individuelle Auswahl des am besten geeigneten Mittels zu den Standards. Ebenso wird gemeinsam nach einer Alternative gesucht, wenn eine Frau nach drei Monaten noch Defizite bemerkt. Das geht alles nicht per Telemedizin und muss den Anwenderinnen klar sein.

Eines ist auf jeden Fall durch diese „Abfrage“ erreicht worden: der Name Zava ist – ohne dafür einen Cent aus dem Werbeetat zu bezahlen – über die Maßen bekannt geworden.

STATEMENT DES BERUFSVERBANDES DER FRAUENÄRZTE E.V. (BVF)


Wir möchten Euch nicht die Reaktion des Online Portals Zava vorenthalten, welches heute über ein PR-Agentur mit uns in Kontakt getreten ist.

Anmerkung: Wir sind nicht beeinflusst oder verpflichtet worden dieses Statement zu veröffentlichen und teilen noch nicht einmal dessen Aussage. Wir finden aber, dass es durchaus vertretbar ist auch die Firma zu Wort kommen zu lassen:


Reaktion von Zava am 9.9.2029 auf den Artikel bei Adeba:

Online-Arztpraxis Zava zum Statement des Berufsverbandes der Frauenärzte vom 23.08.2019

Nebenwirkungen Nebensache? Die Online-Arztpraxis Zava findet “nein”, denn folgt man ihrer jüngsten Befragung unter 751 Frauen bundesweit, vermeiden 22 Prozent der befragten Frauen, medizinischen Rat zu suchen. Zava empfiehlt hingegen, bei regelmäßig wiederkehrenden oder anhaltenden Beschwerden den Arzt aufzusuchen.

Ratlos hingegen ist der Bundesverband der Frauenärzte. Er sucht Mängel an der Methodik der Verbraucherinnen-Befragung, reklamiert das Fehlen einer Kontrollgruppe, übergeht dabei, dass der Survey nicht als wissenschaftliche Studie konzipiert war.

Der Fokus der Zava-Befragung war allerdings patientenzentriert.

In der Pressemitteilung von Zava wurden die Antworten der 751 bundesweit von einem unabhängigen Institut befragten Frauen zusammengefasst.

Bei seiner Kritik zitiert der Verband der Frauenärzte zusammenhangslos Auszüge und spekuliert. Schade, findet Zava. Am Ziel vorbei. Wenn Frauen durch die Befragung ermutigt werden, bei Beschwerden zur Klärung einen Termin bei ihrem Frauenarzt zu machen, ist das bereits ein Erfolg.

Beispiel 1:

BVF: „Wenn tatsächlich die Nebenwirkungsraten so hoch wären wie diese hausinterne Umfrage nahelegt – 39% Kopfschmerzen und vieles mehr, dann wären hormonelle Verhütungsmittel weder zugelassen noch so weit verbreitet.”

Zava: „Neun von zehn Frauen (88 Prozent) geben an, während der Einnahme der Antibabypille schon einmal unter möglichen Nebenwirkungen gelitten zu haben. Teilweise können die Symptome auch andere Ursachen haben, werden jedoch mit der Pille in Verbindung gebracht. […] Im Schnitt klingen diese Beschwerden in 65 Prozent der Fälle innerhalb der ersten drei Monate wieder ab.

Beispiel 2:

BVF: „Es ist zu fürchten, dass er [der Online-Arzt Dr. Ed/Zava] mit diesen Umfrageergebnissen sagen will ‚die Ärzte in Deutschland beraten so schlecht, dann könnt ihr auch gleich zur Ärzteberatung per Internet-Formular gehen, ganz ohne Untersuchung, ohne persönliches Arztgespräch.‘”

Zava: „Bei regelmäßig wiederkehrenden oder anhaltenden Beschwerden ist ein Termin bei einem Frauenarzt ratsam. Er kann helfen, Symptome einzuordnen und Beschwerden in den Griff zu bekommen.”


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