Montag, Januar 17, 2022
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Dreck reinigt den Magen – Mythos oder Wahrheit?

Wie gefährlich ist es, wenn Kleinkinder Sand essen?

Emsig im Sand buddeln, das ist absolutes Pflichtprogramm für jedes kleine Kind. Nicht selten landet gleich eine ganze Sandladung im Mund. Ist das nun eine große Katastrophe, wie viele junge Muttis erst mal vermuten würden, oder hat vielleicht Opa recht, der so etwas eher gelassen mit „Dreck reinigt den Magen“ kommentiert. Falls Opa aus der Landwirtschaft kommt, sagt er vielleicht mit sächsischem Akzent: „Vom Drecke wer’n de Schweine fett“.

Dreck reinigt den Magen – kann das stimmen?

Die orale Phase ist für jedes Kleinkind wichtig, um die Dinge zu „begreifen“. Also wird so ziemlich alles erst einmal mit den Lippen und der Zunge abgetastet. Am Strand oder im Sandkasten gilt dies nicht nur für die schmutzigen Förmchen, sondern gleich auch noch für die ganze Handvoll Sand, wovon ein gehöriger Anteil flugs im Magen verschwindet.

Im Jahre 1989 wurde wissenschaftlich untersucht, wie viel Erde jeden Tag in den Mägen von ein- bis vierjährigen Kindern versandet. Im Durchschnitt ergaben sich ungefähr 40 Milligramm pro Kind. Das ist erst einmal nicht besonders viel.

Dreck reinigt den Magen – oder reinigt vielleicht der Magen den Dreck?

Dr. Christoph Hünseler beschäftigt sich an der Uniklinik Köln unter anderem mit Magen-Darm-Erkrankungen bei Kindern. Er tendiert eher dazu, den guten alten Spruch umzudrehen, und sagt, dass es der Magen ist, der den Dreck reinigt.

Wenn der Mensch Schmutz verschluckt, stürzt sich sofort die extrem starke Magensäure darauf und schlüsselt komplexe Verbindungen im Nu in ihre Bestandteile auf. Im gleichen Atemzug werden dabei auch noch die allermeisten Keime abgetötet. Kleine Steine kriegt unsere Magensäure aber nicht klein, was nicht weiter wild ist, weil diese den Verdauungstrakt ungehindert passieren, um schließlich ausgeschieden zu werden.

Kann Dreck dann sogar gesund machen?

Durch Studien wurde immer wieder nachgewiesen, dass Landkinder deutlich seltener Allergien haben. Bedeutet dies möglicherweise, dass Dreck unser Immunsystem anregen und befördern kann?

Prof. Susanne Lau ist an der Berliner Charité als Kinderärztin und Allergologin tätig. Sie bestätigt diese Überlegung mit der Einschränkung, dass besonders die Kinder von Landwirten der Viehwirtschaft gesundheitlich begünstigt sind. Der Stallmist, der sozusagen an der Mutter klebt, stimuliert in ausgeprägter Weise bereits das Immunsystem des noch ungeborenen Kindes. In der Folge bilden diese Kinder nachweislich seltener eine Allergie aus.

Studien plädieren für den Bauernhof

Die Amish People betreiben in den USA eine traditionelle Landwirtschaft, so, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten. Ihre Kinder kennen fast keine Allergie. Dazu sollte man wissen, dass das Immunsystem von Neugeborenen erst einmal lernen muss, welche Stoffe für den Körper gefährlich sein können. Wenn dabei falsche Informationen generiert werden, bekämpft der Körper schließlich Substanzen, die möglicherweise völlig harmlos sind, auch das bedeutet Allergie.

Prof. Susanne Lau leitete eine Studie, bei der allergiegefährdete Neugeborene bewusst mit abgetöteten Darmbakterien konfrontiert wurden. Dazu wurde den teilnehmenden Neugeborenen drei Mal pro Tag eine entsprechende Tropfenlösung verabreicht. Bei denjenigen Kindern, die nur ein allergisches Elternteil hatten, zum Beispiel einen Vater mit Heuschnupfen, ergab sich eine signifikant gute Wirkung.

Susanne Lau vertritt daher ganz überzeugt die Meinung, dass übertriebene Hygiene grundverkehrt und sogar kontraproduktiv für die Kinder ist, aber gewisse Hygienestandards sollten doch eingehalten werden. Das Immunsystem von Stadtkindern ist zum Beispiel nicht darauf ausgelegt, Rohmilch zu trinken, es sei denn, sie wird zuvor abgekocht.

Dreck ist nicht gleich Dreck

Im Jahre 2014 beschäftigten sich Wissenschaftler zu diesem Thema mit Kindern aus eher armen Wohnvierteln in Boston, Baltimore, New York und St. Louis. Wenn diese Kinder hin und wieder in Kontakt zu Ausscheidungen von Kakerlaken, Mäusen und Katzen kamen, war tatsächlich eine abnehmende Tendenz beim Allergierisiko zu beobachten.

Dennoch zeichnete sich eine deutliche graduelle Differenzierung ab. Waren die Lebensumstände wirklich sehr schmutzig, traten sogar signifikant mehr Allergien auf als im Durchschnitt.

Gezielt Dreck essen – keine gute Idee

Schon der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) berichtete darüber, dass einige Menschen ganz gezielt regelmäßig Lehm oder Ton zu sich nehmen. Daran hat sich in manchen Regionen Amerikas, Afrikas und Asiens bis heute nichts geändert. Allerdings werden die Bodenpartikel vor dem Verzehr abgekocht.

Nun könnte man den Eindruck haben, dass dies doch eine wunderbare Quelle für wichtige Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium oder Magnesium sei. Weit gefehlt, denn aus winzigen Steinen kann unser Verdauungssystem diese nicht aufschlüsseln.

Leider ist sogar das Gegenteil der Fall, weil gerade Bodenpartikel die Eigenschaft haben, Eisen, das sie im Magen-Darm-Trakt finden, an sich zu binden. Mit dem Sand werden also vermehrt wichtige Stoffe ausgeschieden. Wer meint, Dreck reinigt den Magen, zahlt insofern erst einmal einen Preis dafür.

Abschließende Gedanken

Bitte nimm das gute alte Sprichwort „Dreck reinigt den Magen“ nicht zu wortwörtlich. Gesund ist das Essen von Dreck gewiss nicht, aber eine echte Gesundheitsgefahr sieht anders aus. Lass also Dein Kind ausgiebig draußen an der frischen Luft spielen. Wenn es dann mal passiert ist, dass etwas Sand im Mund verschwindet, keine Panik, der kommt schon wieder heraus.

Dass das Immunsystem dadurch gefordert wird, ist meistens nur zum Besten für Dein Kind. Und denke daran: Wenn Du erschrocken auf die Sandportion reagierst, das bemerkt Dein Kind sofort und fängt nur deshalb an zu weinen, nicht weil es sich von dem Sand so gestört fühlt.

Dennoch solltest Du Deinem Kind in ruhiger, vertraulicher Atmosphäre beibringen, Sand und Dreck nicht in Mund zu stecken. Es lässt sich gar nicht vermeiden, dass Hunde, Katzen oder Wildtiere aus einem Park/Wald zuweilen ihr Geschäft auf einem Spielplatz oder am Strand verrichten. Daher besteht immer eine Gefahr, dass Durchfallerreger oder Spulwürmer dort nur darauf warten, ihren neuen Wirt zu finden. Gerade auch Vogelkot ist für seine hohe Erreger- oder Schimmelpilzdichte bekannt.

Nicht zuletzt sind es aber unachtsame Menschen, die ihre Zigarettenstummel, ohne nachzudenken, in den Sandkasten schnippen. Diese Teile sind voller Gifte, die noch dazu jahrelang ihre böse Fracht konservieren.

Fachredaktion Adebahttps://magazin.adeba.de/author/fachredaktion/
Ich bin eine Diplom-Psychologin mit Lehrbefähigung, die gerne Texte rund um zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit und Ernährung schreibt. Manchmal auch über Kultur und Reisen und hin und wieder sogar über Geschichte. Ich freue mich sehr über Eure Kommentare und hoffe, Ihr mögt meine fachlichen Texte, die immer ein wenig meine persönliche Handschrift tragen. Ich möchte Euch rund um die großen Themen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung informieren, wichtige Anregungen geben und gern auch mal zu einer kontroversen Diskussion provozieren.

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