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Die Befürworter einer Abgabe haben keine Beweise, dass sie helfen würde
Es gibt weniger fettleibige Kinder als vor 20 Jahren – ganz ohne Bevormundung
Wirklich helfen könnten lebensnahe Maßnahmen für sozial schwache Familien

Seit einiger Zeit ist es also der Zucker, der als Sau durch das Dorf getrieben wird. Eine Steuer auf Nahrungsmittel mit zu viel von dem Teufelszeug soll uns alle gesünder und schlanker machen.

Allein: Es fehlen die Beweise. Niemand kann belegen, dass eine solche Abgabe zu weniger Fettleibigkeit, Diabetes, Schlaganfällen und sonstigen Krankheiten oder gar zu sinkender Sterblichkeit führen würde. Sie wäre im besten Fall ein Hilfeschrei von Menschen, die gern etwas „Gutes“ tun würden, aber nicht wissen, was. Im schlechteren Fall wäre sie eine Bevormundung, von der wir noch nicht einmal wissen, ob sie nicht mehr schadet als nutzt.

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Insbesondere die „Generation dicke Kinder“, die immer wieder als Grund für den Aktionismus herangezogen wird, existiert schlicht nicht. Laut KiGGS-Studie („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“) waren im Jahr 2017 gerade einmal 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland adipös, also das, was man auch als „fettleibig“ bezeichnet. Das ist kein Anstieg im Vergleich zu 2006. Aktuelle Zahlen der Krankenkasse DAK liegen sogar noch weit darunter, konkret bei nur drei Prozent.

Die DAK-Zahlen zeigen auch: Das Gros der adipösen Kinder und Jugendlichen lebt in sozial schwachen Schichten, oft mit Migrationshintergrund. Wer den massiv fettleibigen Kindern wirklich gezielt helfen will, der hämmert nicht öffentlich lautstark auf die Polemiktrommel, sondern investiert in lebensnahe Maßnahmen für sozial schwache Familien.

Und der Vollständigkeit halber: Etwa doppelt bis dreimal so viele Kinder gelten als untergewichtig. An diesem spindeldürren anderen Ende der Skala passiert: Nichts. Warum nur?

„Übergewichtig“ als diskriminierender Kampfbegriff

Dass die Zahlen juveniler Adipositas so niedrig sind und seit Jahrzehnten nicht weiter ansteigen, wissen auch die Befürworter einer Zuckersteuer. Deshalb benutzen sie immer wieder gerne den Trick und vermischen die Begriffe „übergewichtig“ und „fettleibig“, um die eine Steuer rechtfertigende Dicke-Kinder-Quote in die Höhe zu treiben. 15 Prozent klingt einfach besser als drei bis sechs.

Während Adipositas durchaus auf medizinische Probleme hinweisen kann, gibt es keine Belege dafür, dass einfaches Übergewicht in irgendeiner Weise schädlich ist. Es handelt sich vielmehr um einen Kampfbegriff, der manchmal sogar diskriminierend wirkt. Eltern und Kinder fühlen sich nicht mehr normal, obwohl sie eigentlich gesund sind.

Auch beim Erfolg von bereits eingeführten Steuern, wie zum Beispiel in Mexiko oder jüngst Großbritannien, wird nicht die ganze Wahrheit erzählt. Ja, der Zuckeranteil in Getränken als auch deren Konsum ist dort zurückgegangen, seitdem es eine entsprechende Sondersteuer gibt. Aber es gibt keinen Nachweis dafür, dass es auch nur einen Fall von Diabetes oder Schlaganfall oder auch nur eine Gewichtsreduktion gegeben hat, die darauf ursächlich zurückzuführen wäre.

Hinzu kommt ein gewichtiges Risiko: In England wurde der entfernte Zucker durch Süßstoffe ersetzt, die in nahezu allen Beobachtungsstudien mit einem erhöhten Risiko für Adipositas korrelieren und bekanntermaßen als „Hungeranheizer“ in der Schweinemast eingesetzt werden.

Niemand braucht eine Bevormundung beim Essen

Ich möchte niemandem in seine Ernährung hineinreden, der Zucker für schädlich hält und ihn vermeiden möchte. Aber ich möchte auch eindringlich davor warnen, dass wir Nahrungsmittel oder gar einzelne Inhaltsstoffe aus nicht belegbarer Überzeugung unserem Gesundheitswahn opfern. Vor zehn Jahren galten Fett und Cholesterin als die bösen Nahrungsmittelbestandteile schlechthin. Heute sind sie rehabilitiert.

Was, wenn wir gerade nur der nächsten Hysterie aufsitzen? Soll direkt gepresster Orangensaft auch teurer werden, weil er viel Fruchtzucker enthält, der als noch ungesünder gilt als Haushaltszucker? Oder etwa frische Trauben, die fast 50 Prozent mehr Zucker enthalten als Cola? Wo fängt man an, wo hört man auf mit der kulinarischen Steuereintreibung? Am besten: Nirgends. Denn sie wäre nicht mehr als reine Willkür, frei von wissenschaftlicher Kausalevidenz – aber ganz im Sinne des aktuellen Besser-Esser-Hypes.

Anstatt also Zuckersteuern oder Werbeverbote zu fordern, sollten wir einfach die Realität akzeptieren, wie sie ist. Ernährung ist etwas sehr Persönliches – und auch das Gewicht. Der Anteil wirklich bedenklich schwerer Kinder und Jugendlicher ist sehr niedrig und in der Gesellschaft absolut ungleich verteilt.

Eine Zuckersteuer für alle nach dem Gießkannen-Prinzip würde der viel zitierten Schrotflinte gleichen, mit der man auf Spatzen schießt. Mehr evidenzbasierte Aufklärung über Ernährung schadet sicherlich nicht. Vor allem, wenn sie sich ganz gezielt an den wirklich betroffenen Zielgruppen orientiert. Mehr postfaktische Bevormundungsfantasien braucht aber niemand.

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Uwe Knop (Diplom-Oecotrophologe)
Uwe Knop (geb. ´72) ist Diplom-Ernährungswissenschaftler und Medizin-PR-Experte. Er arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten in der PR & Kommunikation in den Bereichen Medizin und Gesundheitspolitik. So ist er bestens damit vertraut, wie durch die tägliche Veröffentlichung von zu viel „gesundheitsförderndem Unsinn“ Meinungen insbesondere zu „gesunder Lebens- und Ernährungsweise“ in die Köpfe der Menschen gelangen. Mit seinen Büchern möchte er ein möglichst naturnahes Gegengewicht zu dieser pseudowissenschaftlichen Manipulierungsmaschinerie schaffen. Knop ist dabei frei von Interessen Dritter, sodass er keine Produkte, Therapien oder besondere Essformen empfiehlt. Seine Intention gilt allein dem Ziel, dass die Menschen ihrer Kulinarischen Körperintelligenz wieder mehr Vertrauen schenken und dafür meist finanziell motivierte Fremdbestimmung ablegen. Weiter möchte er mit seinen Büchern der gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Ernährung neuen lebensechten Schwung verleihen, da diese sich derzeit in einer wissenschaftlichen Schieflage befindet.

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