Mittwoch, Dezember 2, 2020
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Geschlechtsidentität – langer Prozess der Entwicklung

Junge oder Mädchen - das ist hier die Frage!

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Das Baby konsequent geschlechtsneutral zu erziehen, dazu hat sich kürzlich das britische Paar Hobbit Humphrey und Jake England-Johns fest entschlossen. Um unerwünschten Einflüssen von außen von Anfang an einen Riegel vorzuschieben, haben sie keinem Menschen gesagt, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen haben. Auch der Name des Kindes, Anoush, gibt die Geschlechtsidentität bewusst nicht preis.

Mit den Kleidern halten sie es abwechselnd, mal scheint das Kind ein Junge zu sein, mal ein Mädchen. Die Zeit wird kommen, da wird das Kind selbst bewusst entscheiden, so das gerechte Kalkül der Eltern, welchem Geschlecht es äußerlich den Vorrang einräumen möchte.

Ihre Motivation drücken die Eltern so aus, dass sie ihr Kind nicht beeinflussend zu etwas machen wollen, ihr Kind solle seine Persönlichkeit eigenständig entwickeln können. Gezielt verwenden die Eltern konsequent das Fürwort „es“, wenn sie über ihr Kind sprechen.

Sind sie damit vorbildliche Vorreiter für eine wunderbare Entwicklung der Menschheit?

Um was geht es eigentlich bei der geschlechtlichen Identität?

Unter der Identität einer Person wird ganz allgemein ihre subjektive Selbsteinschätzung im Unterschied zur Beurteilung ihrer Person durch die anderen Menschen verstanden. Hierin einzuschließen ist auch die Geschlechtszugehörigkeit beziehungsweise Geschlechtsidentität. Damit die subjektive Einschätzung nachhaltig tragfähig ist, muss als Basis ein stimmiges Selbstbild dahinterstehen. Wer sich in und mit seinem Körper wohlfühlt, hat seine wahre Geschlechtsidentität gefunden.

Dass dieser Prozess immer völlig problemlos gelingt, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Viele werden sich zum Beispiel daran erinnern, dass während ihrer Pubertät eine Phase eintrat, in der die eigene Geschlechtszugehörigkeit durchaus noch einmal, zumindest unbewusst, hinterfragt wurde. Diese „Unsicherheit“ über die eigene Identität kann vereinzelt bis ins Erwachsenenalter anhalten. 

Wie entwickelt sich die Geschlechtsidentität

Bereits im Mutterleib wird der Fötus mit seinem Geschlechtswesen ausgestattet. Erst viel später kommen, gesteuert durch Geschlechtshormone, die sekundären Geschlechtsmerkmale hinzu. So wird dann das äußere Bild von der Geschlechtszugehörigkeit immer deutlicher. In der modernen Hirnforschung ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass Mädchen und Jungen durch die Wirkung der Geschlechtshormone sogar unterschiedliche Gehirnstrukturen entwickeln.  

Wie gut oder schlecht sich die Mutter während der Schwangerschaft fühlt, und das betrifft auch ihre mentalen Gefühle, bildet sich in ihrem Leibe auf das ungeborene Kind unmittelbar ab. Eltern, die sich auf ihr Kind ehrlich freuen, wobei der Mann die Frau während der gesamten Schwangerschaft liebevoll unterstützt, legt in dem Kind einen ganz anderen Entwicklungsgrundstein als eine zerrüttete Ehe, in der arge Beschimpfungen oder körperliche Gewalt an der Tagesordnung sind.

Dass heutige Eltern relativ früh über das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes in Kenntnis gesetzt werden, hat durchaus einen Einfluss auf dessen Geschlechtsidentität. Die entsprechende Vorfreude und die diesbezügliche Vorstellungskraft der Eltern koppelt in einem gewissen Maße direkt auf das Kind zurück. Sogar die Stimmlage, mit der die Eltern ihr Baby im Bauch der Mutter zuweilen schon mal von außen ansprechen, wird meistens bei einem Jungen anders gewählt als bei einem Mädchen.

Kulturelle Einflüsse auf die Geschlechtsidentität

Die Entwicklung der Geschlechtsidentität des Kindes wird ganz maßgeblich von der Kultur des Landes geprägt, wo es aufwächst. Das ist nun nicht verwunderlich, sind doch Kinder gerade in ihren ersten Lebensjahren von der Natur auf Nachahmung getrimmt.

Schon mit zwei Jahren haben Kinder eine ungefähre Idee davon, was Geschlecht meint, und mit drei Jahren sind sich die meisten ganz sicher, dass sie ein Junge oder eben ein Mädchen sind. In der Phase zwischen 4 und 6 Jahren begreifen Kinder die „Geschlechtskonstanz“, das heißt, sie verstehen nun, dass sich ihr Geschlecht niemals verändern wird.  

Um noch einmal auf die Nachahmung zurückzukommen: Schon zweijährige Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten vornehmlich am gleichgeschlechtlichen Elternteil. All die Tätigkeiten, denen Vater oder Mutter zu Hause nachgehen, prägen bleibend ein spezifisches Rollenverständnis bei den Jungen beziehungsweise bei den Mädchen. 

Diese Tatsache können Eltern dahingehend nutzen, dass sie die Haushaltsarbeiten bewusst nicht in altmodischer Weise geschlechtsspezifisch aufteilen, sondern alles gemeinsam erledigen und/oder die einzelnen Tätigkeiten bedarfsweise gegenseitig tauschen. So wird das Kind kaum ein wertendes Verständnis geschlechtsspezifischer Rollen entwickeln. 

Doch ist der Einfluss der Eltern und anderer Familienangehöriger auf die Geschlechtsidentität begrenzt, denn die gesamte Gesellschaft erzieht immer mit. Sobald das Kind die „Außenwelt“ im Kindergarten oder in der Grundschule betritt, wird es dort recht massiv mit Geschlechterrollen konfrontiert.

Im Rahmen der verschiedensten Auseinandersetzungen innerhalb einer „peer group“ (Gruppe gleichaltriger Kinder), das betrifft vor allem auch die gemeinsamen Spiele, werden diverse Facetten von Männlichkeit und Weiblichkeit probiert und bewertet. Dies setzt sich so unbemerkt immer weiter fort in der Schule, im Sportverein, in der Musikgruppe, bei den Pfadfindern, in der Kirchengemeinde oder auch bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Biologie lässt sich nicht wegdiskutieren

Das Geschlecht ist zunächst eine biologische Vorgabe. Zum Teil ist es aber auch das Produkt der Erziehung durch die Eltern und weiterer Personen und Institutionen des kindlichen Umfeldes. Eine Frau oder ein Mann zu sein, will gewiss gelernt sein, wobei das Ganze als groß angelegter Gruppenprozesses aufzufassen ist.

In diesem Rahmen lernen Kinder, welche Erwartungen die Gesellschaft, in der sie leben, an Männer und Frauen stellt. Dabei ist jeder, auch schon jedes Kind, ein aktiver Akteur im eigenen Sozialisationsprozess. Den Personen des kindlichen Umfeldes die Kenntnis über das Geschlecht eines Kindes zu entziehen, könnte sich sogar außerordentlich kontraproduktiv auf die kindliche Entwicklung auswirken.

Fazit:

Die Geschlechtsidentität ist ein Prozess, der eigentlich nie wirklich fertig ist. Er beginnt bereits vor der Geburt und wird lebenslänglich ausgeformt sowie immer wieder neu definiert. Ganz gewiss meinen es die britischen Eltern gut mit ihrem Kind, das sie lieben. Doch Experimente zu machen, mit Selbstverständlichkeiten, die die Natur Jahrmillionen lang optimiert hat, könnte sich als vermessen erweisen. Auf jeden Fall wünschen wir Anoush Glück, ein erfülltes Leben und Alles Gute.

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Fachredaktion Adeba
Fachredaktion Adebahttps://magazin.adeba.de/author/fachredaktion/
Ich bin eine Diplom-Psychologin mit Lehrbefähigung, die gerne Texte rund um zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit und Ernährung schreibt. Manchmal auch über Kultur und Reisen und hin und wieder sogar über Geschichte. Ich freue mich sehr über Eure Kommentare und hoffe, Ihr mögt meine fachlichen Texte, die immer ein wenig meine persönliche Handschrift tragen. Ich möchte Euch rund um die großen Themen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung informieren, wichtige Anregungen geben und gern auch mal zu einer kontroversen Diskussion provozieren.

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