Freitag, Dezember 13, 2019
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Vollkornbrot für Afghanistan!

Sterben Usbeken an Nussmangel?

Derzeit kolportiert eine gesetzliche Betriebskrankenkasse (BKK) mal wieder das Märchen „Ungesunde Ernährung ist tödlich“ – und zwar wie gewohnt auf Basis wachsweicher nichtssagender Beobachtungsstudien. Dabei sollte inzwischen jedem klar sein: Korrelationen sind keine Kausalitäten. Das hindert ernährungsapostolische Missionierer jedoch nicht, ihre ideologische Desinformation unters Volk zu bringen. Die aktuelle „Todes-Studie“ ist ein Paradebeispiel, das verdeutlicht, wie „der verdummende Hase läuft“ – sicher erinnern auch Sie sich an Headlines wie …

„Jeder fünfte Todesfall geht auf falsche Ernährung zurück“, „Ungesunde Ernährung tötet mehr Menschen als Tabak“, „Elf Millionen Menschen sterben jährlich an ungesunder Ernährung“ – so und in weiteren kreativen „Todesfacetten“ kolportierten zahlreiche Medien die – frei erfundene -Kausalevidenz. Der Anlass, dass fast alle Online- und Printredaktionen bei dieser kollektiven Desinformationskampagne mitgespielt haben war eine Übersichtsarbeit primär basierend auf – wie sollte es anders sein – schwachen Beobachtungsstudien, publiziert im hoch angesehen Medizinjournal Lancet und bezahlt von der Bill & Melinda Gates Foundation.

Backe backe Korrelatiönchen, die PR hat gerufen

Was haben die Forscher gemacht? Die Studienautoren erhoben die Essgewohnheiten in 195 Ländern. Dann wurden die von den Probanden – vermeintlich, man weiß es ja nicht wirklich, ob die Angaben stimmen – verzehrten Lebensmittel willkürlich in 15 Gruppen „gesund“ und „ungesund“ eingeteilt (warum das nicht möglich ist, wissen Sie als Leser dieser Kolumne inzwischen – bei noch immer währenden Zweifeln sei Ihnen mein neues Buch Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten empfohlen).

Anschließend berechneten die Korrelationskreateure noch al gusto ihre eminenzbasierten (ergo frei erfundenen) „optimalen Verzehrmengen“ der guten und bösen Speisen. Last but not least kamen die Statistikzauberer zum Zug und korrelierten die Kategorien mit den Todesfällen. Heraus kam: In Afghanistan, Usbekistan und auf den Marshallinseln sterben die meisten Menschen weltweit an ungesunder Ernährung, konkret an „zu wenig Vollkorn, zu wenig Nüssen und Obst oder zu viel Salz“! Doch das ist, Sie ahnen es: Eine Farce.

Sterben Usbeken an Nussmangel?

Als würden im seit Jahrzehnten bürgerkriegsgeschüttelten Afghanistan die Menschen an zu wenig Vollkorn oder die Usbeken an Nussmangel frühzeitig das Zeitliche segnen – das grenzt schon an bitterzynische Realsatire. Dabei räumen selbst die Autoren die zahlreichen Limitierungen ihres eigenen Bullshit-Papers ein:

Es liegt keine Kausalevidenz vor, die Daten basieren fast nur Beobachtungsstudien, es gibt zu viele Confounder (nicht berechenbare Störfaktoren) und eine hohe Publikationsbias (statistisch verzerrte Datenlage). „Mit den hauptsächlich verwendeten Beobachtungsstudien können wir keine Ursachen feststellen, sondern nur Zusammenhänge“, offenbarte auch einer der deutschen Mitautoren, Dr. Toni Meier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (WAZ). Lassen wir abschließend zwei unabhängige Wissenschaftler ≫frei von Ernährungsideologien≪ die Studie bewerten: ≫Es ist schon fast vermessen, solche Zahlen in die Welt zu setzen.

Vor allem in Ernährungsfragen ist die Zuschreibung von Todesfallen auf eine ganz bestimmte Ursache reine Kaffeesudleserei. Eine Korrelation ist reine Spekulation≪, kritisiert Prof. Walter Kramer, Wirtschafts- und Sozialstatistiker an der Technischen Universität Dortmund – und Dr. Jana Meixner vom Department für Evidenzbasierte Medizin der Donau-Uni Krems betont: ≫Aus solchen Beobachtungsstudien können keine Ernährungsempfehlungen abgeleitet werden≪ (beide: Der Standard). Muss zu dieser Desinformationskampagne noch mehr gesagt werden?

Nichts Genaues weiß man nicht

Nein. Denn damit sollte eigentlich alles klar sein, denn was hier mal wieder geliefert wurde, das war „Glaskugellesen delüx“ ganz im Geiste des ökotrophologischen Universalcredos: Nichts Genaues weiß man nicht. Die Studie hätte man sich – wie 90 Prozent aller Ernährungsbeobachtungsstudien – auch sparen können. Stattdessen wären Melinda und Bill besser beraten gewesen, das Geld für hungernde Menschen zu spenden – denn mit echtem Essen lässt sich mehr erreichen als mit dem zehnmillionsten überflüssigen Korrelationspaper. Muss zu dieser Desinformationskampagne noch mehr gesagt werden? Vielleicht noch: Den Export von Vollkornbrot nach Afghanistan können wir uns sparen.

Gut essen: Geht ganz einfach!

Statt auf frei erfundene gesunde Ernährungshypes zu hören, plädiert der gesunde Menschenverstand für mehr Vertrauen in den eigenen Körper, denn: Wer außer Ihrem Organismus kann wissen, welche Nährstoffe Sie wann benötigen und welches Essen gut, verträglich und gesund für Sie ist? Ganz einfach:

Niemand. Hören Sie daher beim Essen auf Ihren intuitiven Ernährungsnavigator – und finden Sie so den natürlichen Weg zu Ihrem besten Essen aller Zeiten. Auch die Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung, Dr. Margareta Büning-Fesel, das dem Bundesministerium für Gesundheit angehört, empfiehlt beim Essen: „Wir sollten wieder unserem Grundgefühl vertrauen, mehr auf den eigenen Körper hören und lernen zu reflektieren, was uns schmeckt und uns wirklich guttut.” [1] Wie einfach das geht, steht in Dein Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten – eine lukullische Lektüre für alle, die genug haben von Besser-Esser-Besserwissern, Superfood und Ernährungswahn, und die wissen wollen, worauf es beim Essen wirklich ankommt:

Es wird Zeit, dass Ernährungshypes, -hybris und -hypochonder vom Teller verschwinden und Ernährung wieder das wird, was sie ist – und zwar die wichtigste und schönste Hauptsache der Welt: Entspannt und genussvoll essen zur Lebenserhaltung. In diesem Sinne: Guten Hunger!

[1] Kompass Ernährung; Ernährungsmythen aufgedeckt, BMEL, August 2019

Uwe Knop (Diplom-Oecotrophologe)
Uwe Knop (Diplom-Oecotrophologe)http://www.echte-esser.de
Uwe Knop (geb. ´72) ist Diplom-Ernährungswissenschaftler und Medizin-PR-Experte. Er arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten in der PR & Kommunikation in den Bereichen Medizin und Gesundheitspolitik. So ist er bestens damit vertraut, wie durch die tägliche Veröffentlichung von zu viel „gesundheitsförderndem Unsinn“ Meinungen insbesondere zu „gesunder Lebens- und Ernährungsweise“ in die Köpfe der Menschen gelangen. Mit seinen Büchern möchte er ein möglichst naturnahes Gegengewicht zu dieser pseudowissenschaftlichen Manipulierungsmaschinerie schaffen. Knop ist dabei frei von Interessen Dritter, sodass er keine Produkte, Therapien oder besondere Essformen empfiehlt. Seine Intention gilt allein dem Ziel, dass die Menschen ihrer Kulinarischen Körperintelligenz wieder mehr Vertrauen schenken und dafür meist finanziell motivierte Fremdbestimmung ablegen. Weiter möchte er mit seinen Büchern der gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Ernährung neuen lebensechten Schwung verleihen, da diese sich derzeit in einer wissenschaftlichen Schieflage befindet.

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