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Der lange Weg zur Alzheimer-Demenz: 6 Fakten

Die Kettenreaktion, die zu den toxischen Protein-Ablagerungen führt, setzt viel früher ein als bisher gedacht. Tübinger Forschende zeigen, wie Alzheimer-Demenz frühzeitig gestoppt werden könnte.

Kettenreaktion Alzheimer-Demenz

Kettenreaktion Alzheimer-Demenz
Kettenreaktion Alzheimer-Demenz: Photo by geralt on Pixabay

Eine Alzheimer-Erkrankung schaukelt sich über Jahrzehnte hoch. Sie beginnt mit einer fatalen Kettenreaktion, bei der massenhaft falsch gefaltete Beta-Amyloid-Proteine entstehen, die das Gehirn am Ende regelrecht überschwemmen. Forschende um Mathias Jucker vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen und vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) zeigen in der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“, dass diese Kettenreaktion bei Mäusen sehr viel früher beginnt als bisher angenommen.

Damit gibt es neben der bekannten Frühphase der Erkrankung mit Protein-Ablagerungen aber ohne Demenz-Symptome eine noch viel frühere Phase, in der winzige, unsichtbare Aggregationskeime die Kettenreaktion in Gang setzen. Wenn sich das auch beim Menschen bestätigt, müsste eine an den Ursachen ansetzende Behandlung diese Aktion unterbinden. Die Forschenden haben bereits einen ersten Antikörper identifiziert, der das vielleicht leisten könnte.

Die Alzheimer-Demenz Forschung

Mathias Jucker, Direktor der Abteilung “Zellbiologie neurologischer Erkrankungen” am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen. Ingo Rappers / Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Mathias Jucker, Direktor der Abteilung “Zellbiologie neurologischer Erkrankungen” am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen. Foto: Ingo Rappers / Hertie-Institut für klinische Hirnforschung

Dafür haben sie unter den bereits bekannten Antikörpern gegen falsch gefaltete Beta-Amyloid-Proteine nach solchen gesucht, die auch diese frühen Aggregationskeime erkennen und möglicherweise beseitigen können. Von den sechs verwendeten Antikörpern zeigte nur der Antikörper Aducanumab eine Wirkung:

Alzheimer-Mäuse

Sogenannte Alzheimer-Mäuse, die noch vor dem Auftreten der ersten Proteinablagerungen für lediglich fünf Tage damit behandelt worden waren, wiesen später nur die Hälfte der sonst üblichen Menge an Ablagerungen im Gehirn auf. „Die kurze Behandlung mit Aducanumab hat die vorhandenen Aggregationskeime offensichtlich beseitigt und da die Bildung neuer Aggregationskeime Zeit braucht, werden in den Wochen und Monaten nach der Behandlung viel weniger Ablagerungen gebildet“, kommentiert Mathias Jucker die Ergebnisse.

„Das Gehirn der Mäuse war am Ende zu 50 Prozent weniger geschädigt“.

Alzheimer-Demenz Forschung Aggregationskeime als Auslöser?

Obwohl sich die Alzheimer Forschung schon länger mit den Aggregationskeimen beschäftigt, weiß niemand so recht, wie sie aussehen. Sie werden derzeit nur über ihre Rolle als Auslöser für diese Kettenreaktion definiert. Damit ähneln sie den sogenannten Prionen, die bei Rindern BSE, bei Schafen Scrapie und beim Menschen die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslösen. Krankmachende Prionen zwingen ihren richtig gefalteten Artgenossen ihre abnorme Form auf. Jucker und sein Team nutzen den Antikörper Aducanumab deshalb auch dazu, um mehr über die Struktur der Aggregationskeime zu erfahren. Dabei konnten sie zeigen, dass Aducanumab Proteinaggregate erkennt, aber keine einzelnen Beta-Amyloid-Ketten. Die Wissenschaftler hoffen nun, den Antikörper als Angelhaken nutzen zu können, um diese Aggregationskeime zu isolieren und besser zu beschreiben.

Ergebnisse der Forschung zu Alzheimer

Forschung Alzheimer-Demenz
Alzheimer-Demenz: Photo by geralt on Pixabay

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass wir uns mehr auf diese absolute Frühphase einer Alzheimer-Erkrankung konzentrieren und nach Biomarkern dafür suchen müssen. Wir brauchen auch weitere Antikörper, die unterschiedliche Typen der Aggregationskeime erkennen und uns helfen, zu verstehen, wie sie die Kettenreaktion auslösen und wie sie für eine Therapie eingesetzt werden können“, so Jucker.

Behandlung von Alzheimer-Demenz muss früher einsetzen

In der Medizin besteht derzeit kein Zweifel darüber, dass die Behandlung einer Alzheimer-Erkrankung früher einsetzen muss, nicht erst, wenn das Vergessen schon begonnen hat. Die Ergebnisse der Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler definieren jetzt allerdings den Begriff der „Frühzeitigkeit“ bei Mäusen neu. Bisher gilt die Phase mit Protein-Ablagerungen aber ohne Demenz-Symptome als frühzeitig, die neuen Untersuchungen legen nahe, dass eine an den Ursachen ansetzende Behandlung von Alzheimer noch viel eher beginnen sollte.

Originalpublikation:

Uhlmann R.E., Rother C., Rasmussen, J. et al (2010): Acute targeting of pre-amyloid seeds in transgenic mice reduces Alzheimer-like pathology later in life

Nature Neuroscience.

DOI: doi.org/10.1038/s41593-020-00737-w

Kontakt:

Professor Mathias Jucker
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, Universität Tübingen
und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Tübingen Otfried-Müller Straße 27
72076 Tübingen

Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) wurde 2001 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Land Baden-Württemberg, der Eberhard Karls Universität und ihrer medizinischen Fakultät, sowie dem Universitätsklinikum Tübingen gegründet.

Das HIH beschäftigt sich mit einem der faszinierendsten Forschungsfelder der Gegenwart: der Entschlüsselung des menschlichen Gehirns. Im Zentrum steht die Frage, wie bestimmte Erkrankungen die Arbeitsweise dieses Organs beeinträchtigen. Dabei schlägt das HIH die Brücke von der Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung. Ziel ist, neue und wirksamere Strategien der Diagnose, Therapie und Prävention zu ermöglichen.

Derzeit sind 26 Professorinnen und Professoren und rund 400 Mitarbeitende am Institut beschäftigt.

Webseite: www.hih-tuebingen.de

Universität Tübingen

Die Universität Tübingen gehört zu den elf deutschen Universitäten, die als exzellent ausgezeichnet wurden. In den Lebenswissenschaften bietet sie Spitzenforschung im Bereich der Neurowissenschaften, Translationalen Immunologie und Krebsforschung, der Mikrobiologie und Infektionsforschung sowie der Molekularbiologie.

Weitere Forschungsschwerpunkte sind Maschinelles Lernen, die Geo- und Umweltforschung, Archäologie und Anthropologie, Sprache und Kognition sowie Bildung und Medien. Mehr als 27.600 Studierende aus aller Welt sind aktuell an der Universität Tübingen eingeschrieben. Ihnen steht ein Angebot von mehr als 200 Studiengängen zur Verfügung – von der Ägyptologie bis zu den Zellulären Neurowissenschaften.

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Erfahrungen und Berichte zu Alzheimer-Demenz

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Erfahrungen und Berichte zu Alzheimer-Demenz

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    Mein Mann und ich wündern uns schon länger über das Verhalten seines Vaters(71). Er hat sich total verändert, er war schon immer eigen und schwierig, aber neuerding redet er nur noch wirres Zeug. Er wird aggressiv wenn man ihn darauf anspricht, das man nicht nachvollziehn kann was er da sagt. Sei…
  2. wer hat Erfahrungen mit Demenzkranken Verwandten ?
    Delilah antwortete auf cherry74’s Thema in Schwiegermütter und Co….Es hört sich leider sehr nachDemenz an und das er schon mal in einem Block für Senioren wohnt ist aufjedenfall schon mal gut. So wie du es beschreibst hört es sich nach Stufe 1 an, die schlimmste für die Person, es ist beängstigend wenn man die einfachstne Dinge nicht mehr so hinbekommt. Macht…
  3. wer hat Erfahrungen mit Demenzkranken Verwandten ?
    taleja antwortete auf cherry74’s Thema in Schwiegermütter und Co.
    Meine Oma hat sowas wie Alters-Demenz und es ist wirklich nicht leicht damit umzugehen. Wenn man sie im Heim besucht,weiss sie manchmal nicht,wer man ist. Kann auch vorkommen,das sie fragt,wann mein Baby kommt,obwohl der Zwerg schon öfter bei ihr war und mittlerweile ja fast 2,5 Jahre alt ist. Si…
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  5. wer hat Erfahrungen mit Demenzkranken Verwandten ?
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  6. Katja – bald darfst du kuscheln! Johanna ist da!
    Zaubermaus2000_de antwortete auf magical24’s Thema in 2013 – Eltern-Forum
    …so ist das wenn man durch die Demenz vergißt das man gegessen hat und wo man seinen Kram versteckt. Schön das Johanna das impfen so gut überstanden hat, das steht uns am 20. bevor, aber vorher kommt ja noch das kh und schlaflabor.
  7. Heute ärgert mich…
    La_Vida antwortete auf Cassy24’s Thema in 2013 – Eltern-Forum
    Meinen hat es voll erwischt mit MD oder grippalem Infekt…furchtbar, sag ich euch! Sterben tut er ja sowieso gleich, deswegen muss er heute auch noch zum Arzt, basta! Ich bin total genervt heute, ehrlich. Er kann wirklich nichts für, aber morgens will er ja ganz heroisch noch mit zum Einkaufen (a..
  8. Katja – bald darfst du kuscheln! Johanna ist da!
    La_Vida antwortete auf magical24’s Thema in 2013 – Eltern-Forum
    …gepaart mit fortgeschrittener Demenz und letztendlich hat ihm meine dämliche Schwiegermutter das Herz gebrochen, weil sie sich ja noch unbedingt vor seinem Tod scheiden lassen musste, weil sie keine Heimkosten für ihn zahlen wollte, bzw die Beerdigung.
Professor Mathias Jucker
Professor Mathias Juckerhttp://uni-tuebingen.de
Mathias Jucker, geboren 1961, ist Direktor der Abteilung “Zellbiologie neurologischer Erkrankungen” am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen. Er studierte Neurobiologie an der ETH Zürich, an der er 1988 auch promovierte. Im Anschluss war er bis 1996 in den USA Postdoc und später Gruppenleiter am National Institute on Aging in Baltimore, bevor er eine Juniorprofessur an der Universität Basel übernahm. 2003 wurde er dann Professor in Tübingen.

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