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Erstmalig haben sogar zwei Frauen in Deutschland gesunde Kinder zur Welt gebracht, nachdem ihnen eine gespendete Gebärmutter transplantiert wurde. Federführend bei dieser Pionierarbeit war die Tübinger Gynäkologin Sara Brucker, die im März und im Mai 2019 diese ganz besonderen Kaiserschnittgeburten am dortigen Universitätsklinikum begleitete. Sie und ihr Team hatten im Oktober 2016 zum ersten Mal eine Gebärmutter erfolgreich transplantiert.

Wann ist eine Gebärmutter-Transplantation angezeigt?

Es gibt junge Frauen, die zwar über funktionstüchtige Eierstöcke verfügen, denen aber die Gebärmutter fehlt. Ursachen dafür können eine Notfall- oder Krebsoperation sein oder es liegt eine angeborene Fehlbildung vor, die so weit gehen kann, dass die Gebärmutter von Geburt an ganz fehlte. Eine sehr spezielle Fehlbildung dieser Art ist das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom, an dem auch die beiden oben erwähnten Frauen litten. Ihre Brüste, Eierstöcke, Klitoris und Schamlippen sind zwar normal ausgebildet, aber die Scheide hat die Natur bei ihnen vergessen.

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Diese seltene genitale Fehlbildung kommt immerhin bei einem von 4.500 Mädchen vor. In Summe macht das allein in Deutschland jedes Jahr bis zu 80 solcher Fälle aus. Wenn die davon betroffenen Mädchen erwachsen werden, können sie kein eigenes Kind bekommen, da ja die Leihmutterschaft hierzulande verboten ist.

BGH: Leihmutter steht rechtlich vor genetischer Mutter

Die beiden Patientinnen, von denen hier berichtet wird, waren zum Zeitpunkt der Gebärmutter-Transplantation 22 beziehungsweise 23 Jahre alt. Beiden wurde im jugendlichen Alter zunächst eine Scheide angelegt. In beiden Fällen waren es die Mütter, die ihren Töchtern ihre Gebärmutter gespendet haben. So ein komplexer Eingriff dauert ungefähr zwölf Stunden, wobei gerade die Entnahme besonders aufwendig ist. Das liegt unter anderem an den vielen, tief im Becken befindlichen Gefäßen, die die Gebärmutter versorgen. Sie freizulegen, ohne sie dabei zu verletzen, ist eine extrem filigrane Arbeit.

Die Sensation ist perfekt

Erst sechs Wochen nach der Operation war überhaupt klar, dass beide transplantierten Organe tatsächlich funktionsfähig waren. Die jungen Frauen bekamen zum ersten Mal im Leben ihre Periode. Ein Jahr später setzte man den Frauen ihre eigenen befruchteten Eizellen an geeigneter Stelle ein. Im März 2019 war es endlich soweit: Ein gesundes Kind wurde geboren. Dem Wunsch der Mutter folgend wurde diese Sensation nicht sogleich in die Öffentlichkeit getragen.

Dennoch war dies ein erfolgreiches, umfängliches, medizinisches Projekt von wissenschaftlichem Wert. Immerhin haben daran über 40 Experten, unter anderem führende Köpfe aus Schweden, aus 18 Abteilungen mitgewirkt. Bislang darf Tübingen stolz auf drei erfolgreiche Uterus-Transplantationen sein, wenngleich eine dieser Frauen noch kein Kind zur Welt gebracht hat. Eine vierte Transplantation scheiterte daran, dass die Gebärmutter nicht passte.

Dass diese Art der Transplantation erfolgreich machbar ist, also mit einer transplantierten Gebärmutter gesunde Kinder zur Welt kommen, hatte schon der schwedische Gynäkologe Mats Brännström im Jahre 2014 nachgewiesen. Auch in diesem Fall stammte der Uterus von einer lebenden Spenderin. Gebärmutter-Transplantationen gibt es inzwischen weltweit ungefähr 40 an der Zahl, wobei damit mehr als zehn Geburten verbunden sind. Letztes Jahr gebar eine Frau in Südamerika ein gesundes Kind mit der Besonderheit, dass der Uterus sogar von einer verstorbenen Spenderin stammte.

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Wer soll das bezahlen?

Bei den beiden aktuellen Tübinger Fällen wurden die Krankenkassen der Patientinnen zur Kasse gebeten, wobei die Kosten noch nicht genau beziffert sind. Alfred Königsrainer ist der ärztliche Direktor der Universitätsklinik für Transplantationschirurgie. Er schätzt die Kosten pro Eingriff noch unter 50.000 Euro ein. Die Auslotung der Kosten im Zusammenhang mit der Bereitschaft zur Kostenübernahme durch die Krankenkassen war übrigens ein wichtiger Teilaspekt in diesem Forschungsprojekt.

Immer mehr Frauen entscheiden sich für den Kaiserschnitt

Xavier Rogiers, Leiter des Transplantationszentrums im Universitätskrankenhaus Gent in Belgien, plädiert dafür, dass die Uterus-Transplantation nicht nur eine Option für Reiche sein darf und schon deshalb von den Krankenkassen übernommen werden muss. Er betonte im gleichen Atemzug, dass das Risiko für die Lebendspender nicht gleich null ist. Dies sei in jedem Einzelfall abzuwägen mit der durchaus begrenzten Chance der Empfängerin, ein gesundes eigenes Kind zu kriegen. Vor diesem (ethischen) Hintergrund dürfen die Fragen um die Leihmutterschaft gern noch einmal aufgerollt werden.

Pro und Kontra der Gebärmutter-Transplantation aus ethischer Sicht

Claudia Bozzaro gehört dem Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an. Sie hält diese Transplantation für nicht-verhältnismäßig, und zwar genau deshalb, weil dazu eine gesunde Spenderin eine äußerst invasive Maßnahme über sich ergehen lassen muss, eine mehrstündige Operation, die für sie absolut keinen gesundheitlichen Nutzen hat. Es gehe ja nicht darum, der Empfängerin das Leben zu retten. Vor diesem Hintergrund ist die ethische Legitimation dieser Lebendspende mehr als fragwürdig.

Die unterschiedlichen Geburtsarten auf einen Blick

Urban Wiesing ist der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. Er argumentiert, dass es für die meisten Frauen ein ganz zentraler Punkt in ihrem Leben ist, eigene Kinder zu kriegen. Dies war den betroffenen Frauen bisher nie möglich, was in der Tat unsägliches Leid verursachte. So gehöre auch eine Gebärmutter-Transplantation zum genuinen Aufgabenbereich der Medizin, nämlich dem leidenden, kranken Menschen zu helfen.

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Xavier Rogiers vom Transplantationszentrum des Universitätskrankenhauses Gent legt das Augenmerk eher auf die Vor- und Nachteile alternativer Möglichkeiten für diese Frauen, vor allem auf die Themen Adoption und Leihmutterschaft, und kritisiert das nicht mehr zeitgemäße Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland.

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Fachredaktion Adeba
Ich bin eine Diplom-Psychologin mit Lehrbefähigung, die gerne Texte rund um zwischenmenschliche Beziehungen, Gesundheit und Ernährung schreibt. Manchmal auch über Kultur und Reisen und hin und wieder sogar über Geschichte. Ich freue mich sehr über Eure Kommentare und hoffe, Ihr mögt meine fachlichen Texte, die immer ein wenig meine persönliche Handschrift tragen. Ich möchte Euch rund um die großen Themen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung informieren, wichtige Anregungen geben und gern auch mal zu einer kontroversen Diskussion provozieren.

1 Kommentar

  1. Gebärmutter-Transplantation ist ein rascher Fortschritt der Fortpflanzungsmedizin. Dennoch glaube ich, es mit viele Risiken sowohl für das Kind, als auch für Mutter verbunden ist. Deshalb ist es sinnvoll die Leihmutterschaft in Anspruch zu nehmen. Außerdem erschien in der letzten Zeit die neue Methode von Mitochondrien-Spende, die ein genetisches Baby für Frauen mit knapp über 40 zu kriegen hilft. Deshalb glaube ich, es gibt andere Optionen nicht nur Gebärmutter-Transplantation, um den Kinderwunsch zu verwirklichen.

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