Großes Kinderwunschforum auf Adeba

Hebammen sind ebenso wenig „Gutmenschen“ wie Ärzte, Lehrer oder Pfarrer. Sie arbeiten nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, sondern sind, sofern sie freiberuflich tätig sind, Unternehmerinnen. Und wie in allen Berufssparten gibt es auch in dieser Berufsgruppe Einzelne, die sich unrechtmäßig verhalten, in diesem Fall bereichern. Den Krankenkassen steht es frei, Hebammenabrechnungen zu überprüfen und bei aufgedeckten Unregelmäßigkeiten entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Die Einbeziehung der Hebammenverbände bei der Lösung dieses Problems könnte allerdings nachhaltiger den Erfolg sichern, als der Weg öffentlich geäußerter Polemik und falscher der Zusammenhänge.

So ist der Anstieg der Ausgaben für die Hebammengebühren in den vergangenen vier Jahren keinesfalls mit einem breit angelegten Abrechnungsbetrug durch Hebammen zu erklären, wie die DAK offenbar glauben machen will. Es gibt dafür ? und das wissen auch die Krankenkassen – mehrere strukturelle Gründe, von denen ich nur drei nennen will:

  • Aufgrund der veränderten Abrechnungsmodalitäten der Krankenhäuser ist es für Kliniken nicht mehr lukrativ, Frauen nach der Geburt möglichst lange stationär zu versorgen (wie zu der Zeit, als es noch eine Tagespauschale gab!), was dazu geführt hat, dass Frauen selbst bei Kaiserschnitt- bereits nach wenigen Tagen entlassen werden. Folglich ist die Betreuung zu Hause, die jeder Frau gesetzlich zusteht, durch eine Hebamme intensiver und langfristiger geworden.
  • Zahlreiche kleinere Kliniken stellen den Kreißsaalbetrieb um auf das sogenannte Belegsystem, das heißt: sie stellen keine Hebammen mehr ein, sondern lassen die Hebammen auf freiberuflicher Basis arbeiten und sich damit die Personalkosten. Die Hebammen rechnen nach der Hebammen-Gebührenordnung direkt mit der Krankenkasse ab, was bei 200 oder 300 Geburten pro Klinik in den Gesamtkosten für Mutterschaftsleistungen nicht unerheblich zu Buche schlägt.
  • Vor fünf Jahren wurden die Gebühren für Hebammenleistungen letztmalig angehoben. Dabei kam es endlich zu einer annähernd leistungsgerechten Anhebung einzelner Positionen, wie z.B. der . Vor der Novellierung konnte eine Hebamme für ihren Beistand bei einer Hausgeburt lediglich 300,- DM abrechnen. Heute sind es immerhin 383,- Euro, die die Krankenkasse für eine Geburt zu Hause zahlen muss. Da die der Hausgeburten in den vergangenen Jahren ? entgegen dem allgemeinen Geburtenrückgang (!) ? angestiegen ist, erklärt sich auch hieraus eine nicht unerhebliche Steigerung der Kosten für Hebammenleistungen.

All diese Fakten sind den Krankenkassen bekannt. Es liegt auf der Hand, dass sie ihre Forderung nach einer Quittierungspflicht für Hebammenleistungen, die sie in den Verhandlungen mit dem Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung nicht durchsetzen konnten, über die öffentliche Diskreditierung des gesamten Berufsstandes noch zu erzwingen suchen.

Ginge es den Krankenkassen ernsthaft um Einsparungen im Bereich der Mutterschaftshilfe, müssten sie Maßnahmen ergreifen gegen den rasanten Anstieg von Kaiserschnitten (inzwischen fast 30% aller Geburten) und die enorme Zunahme an so genannten Risikoschwangerschaften (ca. 85%), die über die normale Vorsorgeleistung hinausgehende rechtfertigen. Indem die Kassen vor ca. 30 Jahren die Schwangerenvorsorge in die Hände der Frauenärzte legten, haben sie selbst die Medikalisierung und Technisierung von und Geburt voran getrieben und müssen nun die Konsequenzen, sprich: die Kosten tragen. Sie sollten sich überlegen, ob es sich nicht auszahlen würde, mit den Hebammen zusammen arbeiten, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. In beispielsweise, wo über ein Drittel aller Frauen bereits Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen durch Hebammen wahrnehmen, betrug 2002 die Kaiserschnittrate nur 15% gegenüber dem Bundesdurchschnitt von 22,5%!

Abrechnungsbetrug ist in keinem Fall zu rechtfertigen und stellt einen Straftatbestand dar. Das wissen auch freiberufliche Hebammen und rechnen in aller Regel nach bestem Wissen ihre Leistungen korrekt ab. Wenn einzelne Kolleginnen statt teurer Medikamente Kakaobutter zur Behandlung erfolgreich einsetzen, entsteht der Krankenkasse dadurch kein Schaden. Im Zweifelsfall kann sie den Posten streichen. Den Vorwurf, dass Hebammen sich in großem Stil durch betrügerische Abrechnungen bereichern, weise ich im Namen unseres Verbandes auf das Schärfste zurück!

Dorothea Kühn, Hebamme
1. Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen e.V.
Frankfurt, im Juni 2004

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